Aufbruch in Vielfalt

Abschlussfeier des Fernstudienkurses „Theologie geschlechterbewusst – kontextuell neu denken“ am 23. September 2017 in Magdeburg

Aufbruch in Viel­falt“ – unter diesem Motto fand am Samstag ein feier­li­cher Abschluss­got­tes­dienst mit anschlie­ßendem Empfang im Remter des Doms zu Magde­burg statt. Fünf­zehn Frauen aus der Evan­ge­li­schen Kirche Berlin-Bran­den­burg-schle­si­sche Ober­lau­sitz, der Evan­ge­li­schen Kirche in Mittel­deutsch­land und der Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kirche Sachsen hatten den Fern­stu­di­en­kurs „Theo­logie geschlech­ter­be­wusst – kontex­tuell neu denken“ abge­schlossen, der über einein­halb Jahre ging. Der Kurs fand erst­mals mit den neuen, über­ar­bei­teten Studi­en­briefen und unter neuem Namen statt. Unter dem Titel „Fern­stu­dium femi­nis­ti­sche Theo­logie“ lief er seit 2004 in vielen Landes­kir­chen der EKD. Neuere Entwick­lungen in den Gender Studies und der kriti­schen Männer­for­schung wurden in das Curri­culum aufge­nommen, so z. B. die Hinter­fra­gung der hete­ro­se­xu­ellen, binären Zuord­nung der Geschlechter durch queere Theolog_innen oder die Ausein­an­der­set­zung mit Männ­lich­keits­kon­struk­tionen in der Antike und der Gegen­wart.

Das Ende des Kurses markiert gleich­zeitig einen Anfang, denn viele der Teil­neh­me­rinnen möchten das Gelernte in ihre Kirche einbringen, Impulse setzen und Kirche so behutsam, aber stetig in Rich­tung Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit verän­dern. Die Stär­kung und Ermu­ti­gung dafür gab es u. a. in der Predigt von Landes­bi­schöfin der EKM Ilse Junker­mann, die die Predigt zu Röm 12,1-11 hielt. Sie machte deut­lich, dass die Bibel in gerechter Sprache, die im Fern­stu­dium intensiv behan­delt wurde, Texte neu erschließen und Menschen Zugänge zur Bibel ermög­li­chen kann. Es mache einen Unter­schied, ob man den Satz aus Röm 12,1 so höre: „Ich ermu­tige Euch, Geschwister“ (Bibel in gerechter Sprache) oder so: „Ich ermahne euch, Brüder und Schwes­tern“ (Luther 2017). Es mache einen Unter­schied, ob man „seinen Leib als ein Opfer hingeben“ solle (Luther 2017) oder ob man seinen Körper „als leben­dige und heilige Gabe darbringen“ soll (Bibel in gerechter Sprache). Auch bei den Gottes­bil­dern sei es wichtig, alte Verkrus­tungen zu lösen und sich einer Viel­falt zu öffnen. Dazu leiste das Fern­stu­dium einen wich­tigen Beitrag, indem es Menschen sprach­fähig in Bezug auf den eigenen Glauben mache.

Im Gottes­dienst brachten Teil­neh­me­rinnen auch zum Ausdruck, in welcher Weise das Fern­stu­dium sie inspi­riert hat. Eine sagte: „Im Laufe der letzten Jahre habe ich mit meinen christ­li­chen Prägungen geha­dert. Die Lebens­rea­li­täten und Glau­bens­grund­sätze sind immer weiter ausein­an­der­ge­driftet. Was als unver­rückbar galt, habe ich begonnen anzu­zwei­feln. Vieles, was mir vertraut war, kann ich nicht mehr als meine Religion/meinen Glauben vertreten. Warum und wie aber kann ich weiter Christin bleiben? Das Fern­stu­dium hat mir das Kennen­lernen von Menschen und Theo­lo­gien ermög­licht mit deren viel­fäl­tigen Perspek­tiven es mir gelingt, meinen Glauben neu zu gestalten und zu leben.“ Eine andere sagte: „Mir hat es im Fern­stu­dium und weit darüber hinaus die Bibel in gerechter Sprache beson­ders angetan. In ihr habe eine Fülle von Anre­gungen gefunden und denke, es geht um Befreiung, Leben, Gerech­tig­keit und nicht um ein Konser­vieren von Vergan­genem.“

Beim anschlie­ßenden Empfang wurden den Teil­neh­me­rinnen nach Gruß­worten vom Direktor des Amtes für kirch­liche Dienste in der EKBO, Matthias Spenn, von Studi­en­lei­terin im EKD-Zentrum für Gender­fragen in Theo­logie und Kirche, Ellen Radtke und von der Vorsit­zenden des Beirats der Frau­en­ar­beit in der EKM, Bettina Krause, die stell­ver­tre­tend auch für den Vorstand der Frauen in der EKBO sprach, die Zerti­fi­kate und Teil­nah­me­be­schei­ni­gungen über­reicht. Die Teil­neh­me­rinnen hatten im Selbst­stu­dium die sieben Studi­en­briefe zu zentralen Themen wie Bibel, Gott, Christus Jesus, Kirche, Spiri­tua­lität und Ethik gelesen und sich zum Austausch in regio­nalen Gruppen getroffen. Auf sieben Studi­en­wo­chen­enden wurden die Themen mit Unter­stüt­zung durch einge­la­denen Fachreferent_innen vertieft. Die Gruppe beschäf­tigte sich in einer leben­digen Lern­ge­mein­schaft u. a. intensiv mit der Bibel in gerechter Sprache, mit Gottes­bil­dern in Viel­falt, mit Aspekten der Männ­lich­keit von Jesus und Paulus, mit der Vision von einer inklu­siven Kirche, mit der Spiri­tua­lität in den Pilgerpsalmen und mit Sorge­ethik als Wirt­schafts­ethik.

Zwölf Teil­neh­me­rinnen fertigten am Ende des Kurses ein eigenes Werk­stück an, in dem sie einem selbst gewählten Thema noch einmal beson­ders nach­gingen. Die Art und Weise war frei und so entstand eine beein­dru­ckende Viel­falt von Werk­stü­cken, manche als Bilder oder Kunst­in­stal­la­tionen, manche in Schrift­form. Die Werk­stücke konnten in einer eigens für diesen Anlass aufge­bauten Ausstel­lung ange­schaut und auch auspro­biert werden, so z. B. ein Memo-Spiel zu Gottes­bil­dern oder ein Segens­mantel für eine Trauung in geschlech­ter­ge­rechter Sprache. Die Besucher_innen konnten eine leben­dige „ruach“-Figur (heilige Geist­kraft), Gottes­dienst­ent­würfe oder auch einen Bibel­le­se­kurs in gerechter Sprache bestaunen.

Text: Irene Pabst, Projekt­stelle Fern­stu­dium Theo­logie geschlech­ter­be­wusst – kontex­tuell neu denken, AKD in der EKBO, Frau­en­ar­beit
Fotos: Susanne Jordan, Berlin


Werkstücke der Absolvent*innen


Weitere Infor­ma­tionen zum Fern­stu­dium „Theo­logie geschlech­ter­be­wusst – kontex­tuell neu denken“