Frei-Räume in Kirch-Räume

Rückblick-Räume – Ein Bericht der Frauenarbeit

Im Jahr 2024 kooperierten wir, die Frauenarbeit des AKD, mit dem Verein Kunstplanbau, der St. Matthäus-Stiftung und der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und veranstalteten die Reihe FRAUEN. Flussaufwärts Frauen. Wandel ist weiblich. Die Veranstaltungsreihe fand an der Humboldt-Universität, im Stadtraum und in der St. Matthäus Kirche statt. Teil der Reihe ist seit 2012 die Poetikvorlesung, die im Jahr 2020 die Schriftstellerin Deborah Feldman hielt. Sie ist weltberühmt geworden für ihr Buch Unorthodox, das auch verfilmt wurde. Die Geschichte erzählt von einer jungen Frau, die als Aussteigerin ihrer ultraorthodoxen Gemeinde in New York nach Berlin zieht und sich mit ihrem Jüdisch-Sein auseinandersetzt. Normalerweise fand die Poetikvorlesung immer an der Fakultät der Humboldt-Universität statt, aber nicht in diesem Jahr. Nach dem Massaker am 7. Oktober war alles anders. Die Universitätsleitung verbot aus Sicherheitsgründen die Vorlesung in letzter Minute – obwohl ein privater Sicherheitsdienst beauftragt wurde. Und so mussten neue Räume gesucht werden, die sich dann glücklicherweise in der Sophien- und St. Matthäus-Kirche gefunden haben.

Deborah Feldman kommentierte diese Raumänderung im Gespräch in der Kirche mit einem Satz. Sinngemäß lautete dieser wie folgt:

Es bedeutet mir viel als Jüdin und Nachfahre Holocaustüberlebender in dieser Kirche Raum zu bekommen, um über meine Religiosität, meine Tradition poetisch zu sprechen und darüber in den Austausch zu gehen. Eine Kirche gibt den Raum und schützt mich, wo andere Institutionen, wie die Humboldt-Universität, aus Angst, Überforderung und Vermeidungstaktik keinen Raum mehr schaffen wollten.

Diese Worte haben eine große Resonanz in mir ausgelöst. Denn es ist gar nicht lange her – 80 Jahre –, als auch Kirchräume keine Sicherheit mehr boten und man in diesen Räumen Hass verkündigte. Umso berührender ist es, wenn es jetzt geschafft wird, dass Kirchräume zu Inseln werden, die Freiräume bieten. Mir wurde deutlich, dass dies Kirche der Zukunft sein muss. Räume zu bieten, die in unserem Besitz sind und oftmals leer bleiben. Die Türen zu öffnen und einzuladen. Kirchräume können Schutzräume werden, in denen sich Menschen treffen, die Liebe leben und gemeinsam gegen Menschenfeindlichkeit und Banalität eintreten wollen. So schaffen wir Freiräume in einer Zeit, in der sich Räume verengen und vieles schwarz oder weiß erscheinen lassen. Wir können bunt bleiben. Diese Erfahrung gibt mir Mut und zeigt mir, welche wichtige Rolle wir in Zeiten des Umbruchs haben.

Rosa Coco Schinagl


AKD-Arbeitsbericht 2023/2024

Dieser Artikel ist Teil des AKD-Arbeitsberichts 2023/2024.

Foto: Rosa Coco Schinagl