„Wieso, weshalb, wozu? Wer nicht fragt, schaut zu.“ Oder: Warum gute Ideen allein noch keine Dorfkirche retten.

Eine Bibliothek in der Kirche? Ein Café? Eine Kneipe? Ein Lebensmittelgeschäft vielleicht? Oder doch etwas ganz anderes? Wer über die Zukunft von Dorfkirchen nachdenkt, landet mitunter bei ziemlich kreativen Ideen. Und davon gab es reichlich bei der 3. Dorfkirchentagung am 11. September in Doberlug-Kirchhain.

Unter dem Titel „Neue Perspektiven für geliebte Orte“ kamen Menschen aus Kirche, Kommunen, Denkmalpflege, Architektur, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Es ging um mehr als 1.400 Dorfkirchen in Brandenburg – um Gebäude, die vielerorts längst mehr sind als Gottesdiensträume und zugleich vor einer ungewissen Zukunft stehen.

Studentische Entwürfe der BTU zeigten neue Möglichkeiten für Dorfkirchen in der Lausitz. Best-Practice-Beispiele erzählten davon, was andernorts bereits gelungen ist. Und auf dem Podium diskutierten Kulturministerin Manja Schüle, Bischof Christian Stäblein, BTU-Präsidentin Gesine Grande und Landeskonservator Thomas Drachenberg über Perspektiven für diese besonderen Orte.

Einiges an Inspiration. Und viele Fragen.

Was macht eigentlich aus einer guten Idee eine tragfähige Veränderung? Denn Ideen allein retten keine Kirche. Genau dort setzte unser Workshop an. Ausgangspunkt war die Modellregion Havelland – und eine Beobachtung, die uns allen nicht neu ist:

DIE Dorfkirche gibt es nicht.

Eine Kirche am wachsenden Stadtrand hat andere Voraussetzungen als eine Kirche an einer touristischen Route. Und beide unterscheiden sich wiederum von der Kirche „unterm Sternenhimmel“, in einem kleinen peripheren Dorf. Gleichzeitig geht es fast nie nur um das Gebäude. Demografie, Kirchenbindung, Infrastruktur, Finanzen, Ehrenamt und vorhandene Netzwerke greifen ineinander. Und so veränderte sich unsere Frage von: Was könnten wir aus dieser Kirche machen? Hin zu: Wer übernimmt mit wem, wofür und auf Dauer Verantwortung?

Wir sprechen bei Innovation oft über neue Ideen, neue Formate und neue Nutzungen. Aber möglicherweise beginnt Innovation viel früher – bei der Frage, ob Menschen überhaupt einen gemeinsamen Grund dafür finden, etwas miteinander zu wollen.

Wozu – und für wen?

Am Ende unseres Workshops sah es ein bisschen aus wie bei uns im Kinderzimmer: Schlachtfeld. Mit der Ahnung, dass hier intensiv gearbeitet wurde – nur die Ordnung hatte zwischendurch aufgegeben. Karten lagen herum, auf dem Flipchart kreuzten sich Pfeile und Ergänzungen, Sätze waren durchgestrichen, wiederbelebt und neu zusammengesetzt worden. Eine Suchbewegung eben.

Daraus entstanden zwei Thesen:

These 1: Zukunftsfähige Entwicklung braucht ein gemeinsames „Wozu/für wen“, also geteilten Sinn von Anfang an – und damit Beteiligungsprozesse.

Beteiligung bedeutet nicht, Menschen zu einer bereits entwickelten Idee hinzuzuholen – sie beginnt vorher. Bei der gemeinsamen Frage: Was bedeutet dieser Ort für uns? Was brauchen die Menschen hier? Was soll bleiben? Was darf sich verändern? Und wofür lohnt es sich überhaupt, Verantwortung zu übernehmen? Das „Wozu“ lässt sich nicht nachträglich an eine Nutzungsidee ankleben. Es muss gemeinsam entstehen. Eine Suchbewegung vor Ort. Unsere zweite These geht deshalb noch einen Schritt weiter:

These 2: Es braucht eine Vor-Ort-Suchbewegung aller Akteur:innen nach einem gemeinsamen, sinnstiftenden Bewusstsein, das Verbundenheit schafft und Brücken baut.

Das ist etwas anderes als die Suche nach der besten Nutzung. Denn möglicherweise gibt es sie gar nicht: die Lösung, die man finden, aufschreiben und anschließend auf möglichst viele Dorfkirchen übertragen kann.

Was in Doberlug immer wieder sichtbar wurde, waren vielmehr sehr unterschiedliche Orte mit unterschiedlichen Geschichten, Menschen, Ressourcen und Möglichkeiten. Genau deshalb braucht Veränderung Menschen vor Ort, die gemeinsam herausfinden, was trägt. Und dazu gehört auch die Wertschätzung dessen, was längst da ist: Beziehungen. Erinnerungen. Wissen. Engagement. Konflikte übrigens auch. Die Kirche als vertrauter Ort im Dorf. Menschen, die sich zuständig fühlen. Kirchenmitglied hin oder her.

Wo das Vorhandene nicht nur als Bestand betrachtet wird, sondern als Ressource für etwas, das noch gar nicht fertig gedacht ist, da beginnt Zukunft. Zukunft für geliebte Orte. Für unsere Dorfkirchen.

Titelbild: EKBO/ Andreas Franke